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Arbeit & Trades

Selbständig in BC und Alberta: Der ehrliche Ratgeber für DACH-Einwanderer

23. Mai 2026  ·  8 Min. Lesezeit

Selbständig in BC und Alberta: Der ehrliche Ratgeber für DACH-Einwanderer

Kanada gilt als bürokratisches Schwergewicht – doch wer hierzulande ein Gewerbe anmelden will, reibt sich ungläubig die Augen. Ein Formular, eine Gebühr von unter 100 Dollar, fertig. Was in Deutschland oder Österreich Wochen und Dutzende Behördengänge kostet, ist in British Columbia und Alberta in einem Nachmittag erledigt. Der Haken liegt woanders: Der Aufenthaltsstatus entscheidet darüber, ob du dich überhaupt selbständig machen darfst – und wer diese Frage falsch beantwortet, riskiert seine gesamte Einwanderung.

Dieser Artikel erklärt, was du wirklich brauchst, wenn du in BC oder Alberta als Selbständiger tätig sein willst. Keine Schönfärberei, keine Behördensprache – nur das, was ein erfahrener Bekannter dir beim Kaffee erklären würde.


Was du wirklich wissen musst

1. Ohne die richtige Arbeitserlaubnis geht gar nichts

Selbständige Tätigkeit in Kanada ist an deinen Aufenthaltsstatus gebunden. Als Permanent Resident (PR) oder kanadischer Staatsbürger kannst du sofort loslegen. Mit einem offenen Arbeitserlaubnisschein (Open Work Permit) – zum Beispiel aus dem IEC-Programm (International Experience Canada) oder als Ehegatte eines PR – ist Selbständigkeit in den meisten Bereichen erlaubt. Mit einem geschlossenen, arbeitgeberspezifischen Work Permit bist du an deinen Arbeitgeber gebunden; Selbständigkeit wäre ein Verstoß gegen deine Einwanderungsbedingungen. Ein Besuchervisum erlaubt grundsätzlich keine Erwerbstätigkeit, auch nicht als Freelancer.

2. Die Gewerbeanmeldung kostet fast nichts

In Alberta registrierst du einen Trade Name (Handelsnamen) für rund 60 CAD – läuft alles auf deinen bürgerlichen Namen, brauchst du nicht einmal das. In BC kostet eine Name Approval Request zwischen 30 und 49 CAD, die eigentliche Registrierung kommt dazu. Zum Vergleich: Die Eintragung ins deutsche Handelsregister für eine GmbH beginnt bei mehreren Hundert Euro. In Kanada bist du innerhalb weniger Tage offiziell im Geschäft.

3. GST-Pflicht ab 30.000 CAD Jahresumsatz

Wer innerhalb von zwölf Monaten mehr als 30.000 CAD Bruttoeinnahmen erzielt, muss sich für die Goods and Services Tax (GST) registrieren und 5 % auf die meisten Dienstleistungen und Produkte erheben. Das entspricht grob der deutschen Kleinunternehmerregelung (§ 19 UStG), nur dass der Schwellenwert deutlich höher liegt. Wer darunter bleibt, muss sich nicht registrieren – kann es aber freiwillig tun, um Vorsteuer (Input Tax Credits) zurückzuerhalten.

4. Der CPP-Beitrag ist dein größter versteckter Posten

Angestellte zahlen 2025 rund 5,95 % ihres Einkommens in den Canada Pension Plan (CPP). Selbständige zahlen den vollen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil: 11,9 %, maximal 8.068,20 CAD pro Jahr. Das ist kein Steuerbeitrag, sondern eine Rentenversicherungspflicht – ähnlich dem Rentenversicherungsbeitrag für Selbständige in Deutschland, nur dass er hier automatisch über die Steuererklärung abgerechnet wird. Wer das in seiner Kalkulation vergisst, wundert sich am Jahresende über eine saftige Nachzahlung.

5. Alberta hat keinen Provinzsteuer-Surtax – ein echter Vorteil

British Columbia erhebt ab rund 45.654 CAD Jahreseinkommen 5,06 % Provinzsteuer, die Rate steigt progressiv. Alberta dagegen beginnt mit einem günstigen Satz von 8 % auf die ersten 60.000 CAD – mit weiteren Staffeln bis maximal 15 % bei über 362.961 CAD. Kein Surtax, keine versteckten Neben­kosten auf provinzieller Ebene. Für gut verdienende Selbständige macht das am Ende des Jahres mehrere Tausend Dollar aus.


Schritt für Schritt: So wirst du in BC oder Alberta selbständig

Schritt 1 – Aufenthaltsstatus klären

Bevor du auch nur eine Visitenkarte drucken lässt: Prüfe deinen Aufenthaltsstatus. Hast du einen Open Work Permit? Bist du PR oder Staatsbürger? Dann bist du startklar. Hast du einen geschlossenen Work Permit, musst du zunächst entweder auf deinen PR warten oder eine Statusänderung beim IRCC beantragen. Dieser erste Schritt ist nicht verhandelbar.

Schritt 2 – Geschäftsform wählen

Die meisten Einwanderer starten als Einzelunternehmen (Sole Proprietorship). Kein separater Gesellschaftervertrag, keine Mindestkapitalanforderung, kein Notar. Du bist identisch mit deinem Unternehmen – was bedeutet: volle persönliche Haftung, aber auch maximale Einfachheit. Wer größere Aufträge, mehrere Mitarbeiter oder höhere Haftungsrisiken plant, kann später eine Corporation (Kapitalgesellschaft) gründen. Das kostet in Alberta rund 475 CAD, in BC etwas mehr – aber das ist Schritt 5, nicht Schritt 1.

Schritt 3 – Gewerbeanmeldung

In Alberta: Willst du einen anderen Namen als deinen bürgerlichen verwenden, fülle das „Declaration of Trade Name“-Formular aus und zahle die 60-CAD-Gebühr bei einem offiziellen Alberta Registry Agent. Innerhalb weniger Tage bist du registriert. Tätig unter eigenem Namen? Keine Registrierung nötig.

In BC: Zuerst die Name Approval Request über den BC Registry Service einreichen (30–49 CAD, 2–5 Werktage). Dann Registrierung als Sole Proprietorship oder DBA (Doing Business As). Alles läuft online über den BC Registry Service.

Für Fort St. John, Dawson Creek oder Prince George (Nord-BC): Die Registrierung läuft identisch über das BC Registry, unabhängig vom Standort. In Gemeinden wie Terrace, Kitimat oder Prince Rupert lohnt ein Blick auf lokale Förderungen für Neugründungen – manche Kommunen unterstützen Selbständige mit Starthilfe oder günstigen Gewerbeflächen.

Für Fort McMurray, Grande Prairie oder Cold Lake (Nord-Alberta): Im Öl- und Gassektor sowie im Bergbauumfeld gibt es einen riesigen Markt für selbständige Contractors in Handwerk, Maschinenwartung, Logistik und IT. Wer als selbständiger Elektriker, Schweißer oder Maschinenbautechniker in diese Region kommt und Aufträge von Großprojekten annimmt, kann realistisch 120.000 bis 160.000 CAD brutto pro Jahr verdienen – bei vergleichsweise moderaten Lebenshaltungskosten außerhalb der Ballungszentren.

Schritt 4 – Business Number (BN) beantragen

Sobald die Gewerberegistrierung steht, beantragst du beim Canada Revenue Agency (CRA) eine Business Number. Das geht online auf canada.ca in wenigen Minuten und ist kostenlos. Die BN ist deine Steuernummer für das Unternehmen.

Schritt 5 – GST-Registrierung

Erwartest du in den ersten zwölf Monaten mehr als 30.000 CAD Umsatz, registrierst du dich gleichzeitig für die GST. Du erhältst eine GST-Nummer, musst ab dann auf Rechnungen 5 % GST ausweisen und vierteljährlich oder jährlich abführen. Die bezahlte GST auf Betriebsausgaben holst du dir als Input Tax Credit (ITC) zurück – ähnlich der deutschen Vorsteuer.

Schritt 6 – Lokale Genehmigungen

Jede Gemeinde hat eigene Regelungen für Business Licenses. Vancouver: Pflicht für fast alle Selbständigen, Kosten je nach Branche 100–500 CAD pro Jahr. Kleinere Städte wie Kelowna, Red Deer oder Grande Prairie: oft günstiger, manchmal entfällt die Pflicht bei reiner Homeoffice-Tätigkeit. Prüfe die Website deiner Gemeinde.

Schritt 7 – Steuern als Selbständiger

Als Sole Proprietor machst du keine separate Unternehmenssteuererklärung. Alle Geschäftsergebnisse trägst du auf dem Formular T2125 (Statement of Business or Professional Activities) in deine persönliche T1-Einkommensteuererklärung ein. Einnahmen minus abzugsfähige Ausgaben gleich steuerpflichtiger Gewinn. Abgabefrist: 15. Juni des Folgejahres. Wichtig: Die Steuerzahlung selbst ist bis 30. April fällig – wer das verwechselt, zahlt Zinsen auf den offenen Betrag.


Häufige Fehler – und wie du sie vermeidest

Fehler 1: Selbständig tätig sein ohne gültige Arbeitserlaubnis

Das ist kein Kavaliersdelikt. Wer mit einem geschlossenen Work Permit oder einem Besuchervisum als Freelancer Geld verdient, verstößt gegen seine Einwanderungsbedingungen. Im besten Fall wird der spätere PR-Antrag abgelehnt, im schlimmsten Fall droht Ausweisung. Niemals vor einer Statusklärung mit der Arbeit beginnen.

Fehler 2: Die GST-Grenze ignorieren

Viele DACH-Einwanderer unterschätzen, wie schnell 30.000 CAD Umsatz erreicht sind – besonders im Handwerk oder IT-Bereich. Wer die Registrierungspflicht verpasst, während er bereits 35.000 CAD verdient, dem kann das CRA rückwirkend GST plus Zinsen und Strafen auferlegen. Halte deinen Umsatz laufend im Blick und registriere dich proaktiv, bevor du die Grenze überschreitest.

Fehler 3: Den CPP-Beitrag nicht einkalkulieren

11,9 % auf den Nettogewinn – bis zu 8.068,20 CAD pro Jahr – kommen am Ende der Steuererklärung als Nachzahlung. Wer das nicht monatlich beiseitelegt, sitzt im April vor einem leeren Konto. Faustregel: Leg 30–35 % jedes Honorareingangs für Steuern und CPP zurück.

Fehler 4: Kein separates Geschäftskonto

Ohne separates Konto verlierst du den Überblick, kannst Betriebsausgaben schlecht belegen und machst deinem Steuerberater das Leben schwer. Eröffne sofort ein Business-Chequing-Konto – die meisten großen Banken (TD, RBC, BMO, Scotiabank) bieten günstige Konten für Neugründer.

Fehler 5: Keine laufende Buchhaltung

Das CRA führt Steuerprüfungen durch – auch bei Kleinselbständigen. Belege für alle Betriebsausgaben müssen sieben Jahre aufbewahrt werden. Wer von Anfang an eine einfache Buchhaltungssoftware (Wave ist kostenlos, QuickBooks kostet ab 25 CAD/Monat) oder eine saubere Tabellenkalkulation nutzt, spart beim Steuerberater und vermeidet böse Überraschungen bei einer Prüfung.


Fazit: BC oder Alberta – was ist die ehrlichere Wahl?

Alberta ist steuerlich günstiger. Niedrigere Provinzsteuer, kein Surtax, und in den nördlichen Regionen rund um Fort McMurray und Grande Prairie ein nahezu unbegrenzter Bedarf an selbständigen Fachkräften im Energie- und Bausektor. Wer bereit ist, in den Norden zu gehen und hart zu arbeiten, kann als Contractor in drei bis fünf Jahren finanzielle Ziele erreichen, für die es in Deutschland fünfzehn Jahre bräuchte.

British Columbia bietet mehr Diversität in den urbanen Zentren (Vancouver, Kelowna, Victoria) und eine breitere Wirtschaftsbasis – Tech, Tourismus, Forstwirtschaft, Film. Der BC PNP Entrepreneur Immigration Stream bietet selbständigen Einwanderern sogar einen eigenen Weg zur Permanent Residence, allerdings mit einer Mindestnettoeinkommensanforderung von 600.000 CAD und der Verpflichtung, mindestens einen Vollzeit-Arbeitsplatz für Kanadier zu schaffen.

Für die meisten DACH-Einwanderer, die handwerklich, technisch oder dienstleistungsorientiert tätig sind: Starte in Alberta, wo der bürokratische Aufwand und die steuerliche Belastung geringer sind. Wer im Kreativbereich, in der Tech-Branche oder im akademischen Umfeld arbeitet, findet in BC eine passendere Infrastruktur. Die gute Nachricht für beide: Dein Gewerbe meldest du in einem Nachmittag an.


Wichtiger Hinweis: Dies ist keine Rechts- oder Einwanderungsberatung. Nur zugelassene RCICs (Regulated Canadian Immigration Consultants) dürfen verbindliche Beratung zu Aufenthaltsstatus, Arbeitserlaubnissen und Einwanderungsprogrammen anbieten. Wende dich für deine individuelle Situation an einen zugelassenen RCIC.


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