Strata (BC) und Condo-Regeln (Alberta) verstehen
Wer in Deutschland oder Österreich eine Eigentumswohnung kauft, kennt die Hausgeldabrechnung und das Protokollbuch der Eigentümerversammlung. Wer in BC oder Alberta eine Strata-Unit oder ein Condo kaufen will, braucht ein anderes Dokument — und viele DACH-Käufer unterschreiben den Kaufvertrag, ohne es überhaupt angefordert zu haben. Das kann teuer werden, denn in beiden Provinzen haftet man als neue Eigentümerin oder neuer Eigentümer unter bestimmten Umständen auch für Schulden, die schon vor dem eigenen Einzug entstanden sind.
Was hier anders läuft als zu Hause
In Deutschland regelt das Wohnungseigentumsgesetz (WEG) die Eigentümergemeinschaft, in Österreich das Wohnungseigentumsgesetz (WEG 2002) — beide mit Jahresabrechnung und Instandhaltungsrücklage, die beim Verkauf meist über den Notar transparent gemacht werden. In BC heißt die vergleichbare Struktur „Strata Corporation“ und wird durch den Strata Property Act geregelt, in Alberta „Condominium Corporation“ nach dem Condominium Property Act. In beiden Provinzen gibt es kein Notar-Pflichtsystem wie in Deutschland — die Beweislast, sich vor dem Kauf über Schulden, Sonderumlagen und Reservefonds zu informieren, liegt beim Käufer selbst. Wer das offizielle Auskunftsdokument nicht aktiv anfordert, kauft im Zweifel blind.
Schritt für Schritt: Was man vor dem Kauf prüfen muss
- In BC das Form B (Information Certificate) anfordern. Dieses offizielle Dokument der Strata Corporation enthält monatliche Strata Fees, offene Zahlungsrückstände, beschlossene Sonderumlagen (Special Levies), den Stand des Contingency Reserve Fund sowie Angaben zu Parkplätzen und Lagerflächen.
- In Alberta das Estoppel Certificate anfordern. Es weist die aktuellen Condo-Beiträge (Condo Fees), den Zahlungsplan und mögliche Zahlungsrückstände für die jeweilige Einheit aus.
- Bylaws und Protokolle der letzten Eigentümerversammlungen (Annual General Meeting, AGM) lesen, nicht nur das Zertifikat selbst — hier stehen geplante, aber noch nicht beschlossene Sonderumlagen, zum Beispiel für ein neues Dach oder eine Tiefgaragensanierung.
- Höhe des Reservefonds mit dem Alter des Gebäudes abgleichen. Ein niedriger Reservefonds bei einem älteren Gebäude ist ein Warnsignal für bevorstehende, teure Sonderumlagen.
- Bei Unsicherheit eine unabhängige Fachperson (z. B. eine im Strata- bzw. Condo-Recht erfahrene Anwältin oder einen Anwalt) das Dokument gegenlesen lassen, bevor man das Kaufangebot unterschreibt.
Die Tricks und Fallen beim Strata- und Condo-Kauf
- Falle: Der Verkäufer „vergisst“, das Form B bzw. Estoppel Certificate anzufordern. Ohne dieses Dokument im Kaufvertrag als Bedingung (Condition) festzuschreiben, kauft man im schlimmsten Fall eine Einheit mit versteckten Zahlungsrückständen. Lösung: Im Angebot ausdrücklich als Bedingung verlangen, dass ein aktuelles Zertifikat vorgelegt wird, bevor der Kauf endgültig wird.
- Falle: Ein ungewöhnlich niedriger Reservefonds wird als „gut verwaltete, sparsame Strata“ verkauft. Tatsächlich bedeutet ein zu niedriger Reservefonds oft, dass größere Reparaturen über Sonderumlagen auf die Eigentümer umgelegt werden, statt aus Rücklagen bezahlt zu werden.
- Falle: Maklerin oder Makler sagt, die Bylaws seien „Standard“ und müssten nicht gelesen werden. Bylaws regeln unter anderem, ob Haustiere, Kurzzeitvermietung (z. B. Airbnb) oder Homeoffice-Nutzung erlaubt sind — für Auswanderer, die eventuell Zimmer vermieten wollen, ein entscheidender Punkt.
- Falle: Rush-Gebühren werden verschwiegen. In BC darf für ein Form B maximal 35 CAD Grundgebühr plus bis zu 0,25 CAD pro Kopierseite verlangt werden, in Alberta maximal 200 CAD für das Estoppel Certificate. Wird das Dokument kurzfristig benötigt, kann in BC eine Rush-Gebühr anfallen, in Alberta bei einer Anfrage innerhalb von drei Tagen zusätzlich bis zu 100 CAD — macht in Alberta maximal 300 CAD in Summe. Wer mehr verlangt bekommt, sollte nachfragen und sich auf die gesetzlichen Höchstgrenzen berufen.
- Falle: Man verlässt sich auf mündliche Zusagen des Verkäufers zum Zustand des Gebäudes. Nur das schriftliche Zertifikat und die Protokolle der letzten Versammlungen sind rechtlich belastbar — mündliche Aussagen („Das Dach ist neu“) zählen im Streitfall nicht.
BC und Alberta im Vergleich
- Dokument: BC nennt es Form B (Information Certificate), Alberta das Estoppel Certificate.
- Rechtsgrundlage: BC regelt das über den Strata Property Act und die Strata Property Regulation, Alberta über den Condominium Property Act und die Condominium Property Regulation.
- Maximale Grundgebühr: In BC höchstens 35 CAD zuzüglich bis zu 0,25 CAD pro Kopierseite, in Alberta höchstens 200 CAD.
- Lieferfrist: BC muss innerhalb von 7 Tagen nach Anfrage liefern, Alberta innerhalb von 10 Tagen.
- Rush-Zuschlag: In BC möglich, wenn die Anfrage mit weniger als 7 Tagen Vorlauf kommt; in Alberta bis zu 100 CAD zusätzlich, wenn das Zertifikat innerhalb von 3 Tagen benötigt wird.
Beide Systeme verfolgen dasselbe Ziel — Transparenz über Schulden und Rücklagen vor dem Eigentumsübergang —, unterscheiden sich aber in Gebührenhöhe, Fristen und der genauen Bezeichnung des Dokuments. Wer zwischen BC und Alberta vergleicht, sollte das jeweils richtige Formular beim Namen kennen, da Makler und Anwälte in der jeweils anderen Provinz oft den falschen Begriff verwenden.
Warum das für Erstkäufer aus DACH besonders wichtig ist
Wer in Deutschland oder Österreich schon einmal eine Eigentumswohnung besessen hat, kennt das Prinzip der Instandhaltungsrücklage und unterschätzt deshalb leicht, wie unterschiedlich die Praxis in Kanada sein kann: Reservefonds-Höhen variieren von Gebäude zu Gebäude extrem stark, es gibt keine gesetzlich vorgeschriebene Mindestrücklage wie in manchen deutschen Bundesländern. Ein Gebäude in Vancouver oder Calgary kann einen gut gefüllten Reservefonds von mehreren Millionen Dollar haben, ein kleineres Gebäude in Kelowna oder Red Deer dagegen nur einen Bruchteil davon — beides kann bei gleichem Kaufpreis völlig unterschiedliche finanzielle Risiken bedeuten. Deshalb ersetzt das Form B bzw. Estoppel Certificate in Kanada praktisch die Funktion, die in Deutschland die Einsicht ins Grundbuch und die Teilungserklärung gemeinsam übernehmen.
Wenn es schiefgeht
Verweigert die Strata Corporation in BC die Herausgabe des Form B oder verlangt eine überhöhte Gebühr, ist die zuständige Stelle das British Columbia Financial Services Authority (BCFSA), das auch Beschwerden zu Strata-Verwaltungsfragen entgegennimmt; parallel kann der Civil Resolution Tribunal (CRT) für Strata-Streitigkeiten angerufen werden. In Alberta ist bei Streitigkeiten rund um Condominium Corporations zunächst der Kontakt mit Service Alberta (Corporate Registry) sinnvoll, bei konkreten Rechtsstreitigkeiten greift das Condominium Property Act über die ordentlichen Gerichte, da Alberta anders als BC kein spezialisiertes Online-Tribunal für Condo-Streitigkeiten hat. Vor jedem Kontakt sollte man alle Unterlagen — Kaufvertrag, angefordertes Zertifikat, Zahlungsbelege, Korrespondenz mit Verkäufer und Verwaltung — vollständig und chronologisch sortiert bereithalten.
Dies ist keine Rechtsberatung. Bei einem konkreten Streitfall wende dich an die zuständige Stelle in deiner Provinz oder an eine Anwältin bzw. einen Anwalt.
