Warum wandern viele nach Kanada aus, aber kommen dann wieder zurück? Die Gründe, warum es schief geht
Jedes Jahr wandern tausende Deutsche, Österreicher und Schweizer nach Kanada aus – und etwa 20-30% davon kehren innerhalb der ersten fünf Jahre wieder zurück. Nicht weil Kanada schlecht ist, sondern weil die Erwartungen und die Realität oft weit auseinanderklaffen. Dieser Artikel zeigt dir die häufigsten Gründe, warum es für viele nicht klappt – besonders in British Columbia und Alberta.
Was du wirklich wissen musst: Die 5 Hauptgründe für Rückkehr
1. Unterschätzte Lebenshaltungskosten
In Vancouver kostet eine 2-Zimmer-Wohnung durchschnittlich CAD 2.800/Monat, in Victoria CAD 2.200/Monat. Calgary und Edmonton sind günstiger (CAD 1.600-1.900/Monat), aber auch dort fressen Nebenkosten das Budget. Viele rechnen nur mit dem Bruttolohn und vergessen: Strom (CAD 80-150/Monat), Internet (CAD 80-120/Monat), Handy (CAD 60-90/Monat), Autoversicherung (CAD 150-300/Monat in BC, CAD 120-200 in Alberta) und Lebensmittel (CAD 400-600/Person) summieren sich schnell auf CAD 1.000-1.500 zusätzlich pro Monat.
2. Fehlende soziale Integration
Kanadier sind höflich, aber oberflächlich freundlich. Echte Freundschaften aufzubauen dauert Jahre. Wer nach sechs Monaten noch keine richtigen Freunde hat und nur Small Talk führt, fühlt sich isoliert. Besonders schwer ist es in Nord-BC (Fort St. John, Prince George) und Nord-Alberta (Fort McMurray, Grande Prairie), wo die Communities kleiner sind und viele in Camps arbeiten.
3. Credential Recognition dauert länger als gedacht
Ein deutscher Meisterbrief oder österreichischer Facharbeiterabschluss muss in Kanada anerkannt werden. Bei Red Seal Trades (Elektriker, Schlosser, Schweißer) dauert das 6-18 Monate – inklusive kanadischer Berufserfahrung und Prüfungen. Viele starten mit Helferjobs bei CAD 18-22/Stunde, obwohl sie in der DACH-Region Facharbeiter mit EUR 3.500-4.500 brutto waren. Diese Übergangsphase frustriert.
4. Familiäre Bindungen wiegen schwerer
Kranke Eltern, Geschwister in Not, Enkel in Deutschland – solche Ereignisse ziehen viele zurück. Die Flugkosten (CAD 800-1.500 pro Person) und die 9-10 Stunden Zeitunterschied machen spontane Besuche unmöglich. Videoanrufe ersetzen keine Umarmung.
5. Fehlende Sprachkenntnisse bremsen Karriere
Wer mit A2/B1-Englisch startet, kommt im Alltag klar, aber nicht auf dem Bau oder in der Werkstatt. Kanadisches Englisch mit lokalen Ausdrücken, Sicherheitsvorschriften und Fachvokabular überfordern viele. Wer nach einem Jahr immer noch nicht fließend spricht, bleibt in schlecht bezahlten Jobs hängen (CAD 16-20/Stunde statt CAD 28-35 für Facharbeiter).
Schritt für Schritt: So läuft die Rückkehr-Spirale ab
Monat 1-3: Honeymoon-Phase
Alles ist neu, aufregend, möglich. Die Rocky Mountains, das milde Klima in Vancouver, die großen Trucks. Man richtet sich ein, meldet sich an, knüpft erste Kontakte. Die Euphorie trägt.
Monat 4-9: Realitätsschock
Der erste Winter in Calgary (-25°C bis -35°C, windchill) oder die Regenzeit in Vancouver (Oktober bis März, 20+ Regentage pro Monat) zehren. Die Wohnung ist teuer, der Job anstrengend, die Kollegen nett aber distanziert. Man vermisst deutsche Bäckereien, österreichische Würstel, Schweizer Schokolade – und vor allem die Freunde und Familie.
Monat 10-18: Entscheidungsphase
Jetzt zeigt sich, ob es klappt. Wer Freunde gefunden hat, dessen Englisch besser wird und wer beruflich vorankommt, bleibt. Wer isoliert ist, finanziell kämpft und keine Perspektive sieht, bucht den Rückflug. Oft ist es eine Kombination: Ein kranker Elternteil zuhause, ein schlechter Job in Kanada, und keine echten Freunde hier.
Monat 19-24: Rückkehr oder Durchbruch
Viele kehren nach 18-24 Monaten zurück, weil die Permanent Residence noch nicht durch ist und die Probezeit gescheitert erscheint. Andere beißen sich durch, finden einen besseren Job (CAD 30-40/Stunde für Trades), ziehen in günstigere Städte (Kelowna, Kamloops, Red Deer, Lethbridge) und bauen ein neues Leben auf.
Häufige Fehler, die zur Rückkehr führen
Fehler 1: Zu wenig Startkapital
Die Faustregel lautet: CAD 15.000-20.000 pro Person bei Ankunft. Viele kommen mit CAD 8.000-10.000 und sind nach drei Monaten blank. Erste Monatsmiete + Kaution (zusammen oft CAD 4.000-6.000 in Vancouver/Victoria), Auto kaufen (CAD 5.000-8.000 für Gebrauchtwagen), Erstausstattung (CAD 2.000-3.000) – das Geld ist schneller weg als gedacht.
Fehler 2: Falsche Stadt gewählt
Vancouver ist teuer und überlaufen. Wer als Elektriker mit CAD 35/Stunde (brutto CAD 5.800/Monat, netto ca. CAD 4.400) dort leben will, gibt CAD 2.800 für Miete aus – bleibt CAD 1.600 für alles andere. In Fort St. John verdient derselbe Elektriker CAD 40-45/Stunde (brutto CAD 7.200/Monat, netto ca. CAD 5.500) und zahlt CAD 1.400 Miete – bleibt CAD 4.100. Nach zwei Jahren frustriert in Vancouver kehren viele zurück, ohne Nord-BC oder Alberta probiert zu haben.
Fehler 3: Keine Netzwerke aufgebaut
Wer nur mit anderen Deutschen abhängt, lernt kein Englisch und integriert sich nicht. Wer gar keine Kontakte hat, vereinsamt. Das richtige Maß: deutsche Community für Heimatgefühl (Stammtisch, Facebook-Gruppen), aber mindestens 50% kanadische Kollegen und Freunde.
Fehler 4: Unrealistische Erwartungen
Kanada ist nicht das Paradies. Auch hier gibt es Bürokratie, schlechte Chefs, mieses Wetter, teure Mieten. Wer denkt, dass nach der Landung alles perfekt läuft, wird enttäuscht. Die ersten 12-18 Monate sind hart – das ist normal.
Fehler 5: Zu früh aufgeben
Viele kehren nach 8-12 Monaten zurück, weil es schwer ist. Aber die meisten, die durchhalten bis Monat 18-24, bleiben langfristig. Die erste Phase ist die härteste.
Die ehrliche Bilanz: Wann Kanada funktioniert und wann nicht
Kanada klappt, wenn du:
- Mindestens CAD 15.000-20.000 Startkapital hast
- Bereit bist, 12-24 Monate durchzuhalten
- Englisch lernst (B2+ innerhalb eines Jahres)
- Flexibel bist bei Stadt und Job (Nord-BC/Alberta eingeschlossen)
- Sozial aktiv bist (Sport, Vereine, Meetups)
- Keine starken familiären Verpflichtungen in Europa hast
Kanada klappt nicht, wenn du:
- Finanziell knapp kalkulierst (unter CAD 10.000 Start)
- Nach 6 Monaten bereits aufgibst
- Nur in Vancouver/Victoria leben willst ohne das Gehalt dafür
- Kein Englisch lernst
- Isoliert bleibst
- Alle 3 Monate nach Deutschland fliegst (zu teuer, zu anstrengend)
Die harte Wahrheit: Von 10 deutschen Auswanderern nach BC/Alberta bleiben langfristig 6-7. Die anderen kehren zurück – nicht weil Kanada schlecht ist, sondern weil die Passung nicht stimmt. Und das ist okay. Besser nach 18 Monaten erkennen, dass es nicht passt, als 5 Jahre unglücklich durchzuhalten.
Wer realistisch plant, genug Geld mitbringt, bereit ist zu kämpfen und flexibel bleibt, hat gute Chancen. Wer mit Hollywood-Träumen und zu wenig Budget kommt, bucht meist den Rückflug.
RCIC-Disclaimer:
Dies ist keine Rechts- oder Einwanderungsberatung. Nur zugelassene RCICs (Regulated Canadian Immigration Consultants) dürfen verbindliche Beratung anbieten. Die hier dargestellten Informationen basieren auf allgemeinen Erfahrungswerten und ersetzen keine individuelle Beratung.